Donnerstag, 20. Mai 2010

Die Party ist zu ende!


Liebe Gäste, ich habe die Pflicht Ihnen mitzuteilen, dass die Getränkevorräte (nicht nur Wein und Champagner sondern auch Wasser) sowie die Nahrungsvorräte (nicht nur Kaviar und Thunfisch, sondern auch die Mais-Chips) langsam aber sicher zu Ende gehen.


Ich tue dies als voraussichtiger Beobachter, weil ich mir dessen bewusst bin, dass Sie, meine Gäste, verantwortungsbewusste denkende Menschen sind.

Lassen Sie sich nicht einreden, Sie seien ungebildet, unfähig, unmodern, unsozial, uninteressiert.

Sie wissen genau so gut wie ich, dass niemand uns Wasser, Mais oder Reis zaubern kann.

Wenn wir frühzeitig erkennen dass –und wann - diese Vorräte zu Neige gehen, dann können wir gegebenen falls verhindern, dass die letzten Reserven, hier auf diesem Fest dekadent verprasst werden.


Der Erste Schritt könnte darin liegen, dass wir einem jedem Gast mitteilen, wie viel Essen und Trinken, sowie Kerzen die uns Licht und Wärme geben, noch in unseren Vorratskammern liegen.

Es ist wichtig, dass die bekannten Zahlen unabhängig von ihrer Höhe oder Tiefe ehrlich genannt werden.

Die Wahrheit ist, dass man Tatsachen nicht durch Bezeichnungen verändern kann. Sie können die Reaktion der Gäste beeinflussen, beeinflussen ob die Musik lauter oder leiser gedreht wird, ob die Gäste lachen oder weinen, aber Sie können die tatsächlichen Vorräte dadurch nicht ersetzen.

Es kommt auf einigen Feiern dazu, dass Ehrengäste oder Freunde des Organisators bei der Verteilung der letzten Flasche oder des letzten Stückes der Pizza bevorzugt werden. Manchmal geht der Organisator der Feier gar soweit, und nennt den Gästen keine ehrlichen Bestandszahlen. Im Gegenteil, er stachelt auf oder beruhigt sie.

So kann er versuchen sich oder seinen Freunden den letzten Keks aus der Schachtel zu verschaffen.


Diesen Keks lassen viele Menschen übrigens interessanterweise liegen wenn jeder weiß, dass es der letzte Keks ist.

Antrieb ist hierbei nicht nur das soziale Gewissen, dass uns bestätigt, dass irgendwo auf dieser Party noch jemand ist, der sicherlich mehr Hunger hat als man selbst.


Nein die Wahrheit ist, dass wir diesen Keks meist nur dann liegen lassen, wenn a) jeder weiß, dass dieser Keks der letzte ist, und b) nachvollziehbar wäre, dass wir ihn genommen haben.

Wir sollten so ehrlich sein, und zugeben: Wir gewichten unser Ansehen in dieser Gesellschaft stärker als das Wohlergehen der Gesellschaft selbst.

Diese Gesellschaft erzieht uns durch ihre Akzeptanz oder Missbilligung mancher Dinge zu besseren Gästen.


Dies könnte als Indiz dafür gewertet werden, dass nicht nur der Gastgeber, sondern auch die Gäste Einfluss auf die Feier haben.

Wenn eine Sitzecke beispielsweise immer überfüllt ist, denken viele Gäste sich, dass hier sicherlich mehr Spaß herrschen muss als bei einer anderen Sitzecke, warum sollten sonst ausgerechnet hier so viele Gäste sein.

Durch das schlichte Meiden einer Tanzfläche (aus welchen Gründen auch immer) können Sie nach und nach das gesamte Publikum davon überzeugen, dass tanzen unsittlich ist. Früher oder später wird der Gastgeber diese Tanzfläche dann umwidmen, den Gästen etwas neues, „sittliches“ präsentieren.


Wir könnten somit in einem zweiten Schritt realisieren, dass wir tatsächlich der Gastgeber dieser Feier sind. Fakt ist, dass ein jeder Gastgeber Gast ist, wenn er an unseren Festen teil haben möchte.

Auch ich bin Gast, wenn ich mich zu Ihnen gesellen möchte.


Dies wird Sie jedoch zu einem dritten, und dem wohl schwersten Punkt führen: Sie müssen Sich mit all den andern Gästen auf ein Motto für die Party einigen. Um Ihr zukünftiges Fest feiern zu können.

Aus meiner Erfahrung mit der Organisation von Festen verspreche ich Ihnen, wird bereits die Wahl der Biermarke oder des „Knabberzeugs“ zu erheblichen Diskussionen führen. Von der Wahl der Musikbeschallung ganz zu schweigen.


Auf welcher Agora oder in welchem Forum Sie sich treffen können oder überhaupt wollen, um diese Fragen zu diskutieren, ist derzeit nicht absehbar.







Der Chronist