Donnerstag, 3. Juni 2010
Flugblätter im Wind
Nein, wir waren nicht alle so.
Ein Blog, ein Flugblatt; Gedankenfetzen, Ideenbruchstücke, die den einen oder anderen umarmen, ihn wärmen und ihm zeigen, dass es irgendwo da draußen noch andere gibt.
Andere, die auch einmal an das große Ganze denken, die überhaupt noch wissen, was damit gemeint ist. Andere, die sich ihrer Zeitspanne angesichts der Weltchronik bewusst sind. Andere, die mit dem sie umgebenden Leben in Einklang leben möchten.
Andere, die glauben, dass ein Täter immer ein Täter ist, unabhängig von seinem Namen oder seiner Freundschaft zu uns.
Ich sah die Situation bildlich vor mir.
Es war grau, schwarz, dunkel. Es regnete als hätte der Himmel noch einen Termin und müsste schnellsten seine Ladung löschen. Schaute man hoch, hatte man das Gefühl als würde es nicht regnen, sondern als würde jemand Schubkarren voll schwarzem Nass auskippen.
Ich sah die Häuserfassaden vor mir, sah den alten ewiggleichen porösen deutschen Backstein.
Verrußter Zeuge der Industrialisierung, des Fortschritts.
Von Regen, Kohle und seinen Bewohnern gefärbt standen diese Blöcke hier, als wollten sie uns sagen: Kenne deinen Platz!
Und den kannten wir auch. Wir waren nicht auf Euren Festen, wir tanzten nicht zu Eurer heroischen Musik. Wir imitierten Euch nicht, um dazu zu gehören, nur um eines Tages aufzuwachen und zu bemerken, dass wir wie Ihr geworden sind.
Nein wir gehörten nicht zu Euch. Unsere entartete Musik und unser unpatriotisches Verhalten, unseren Willen, unseren Geist, unsere moralischen Werte zu bewahren, standen im direkten Widerspruch zu der damaligen Staatsraison.
Ich wollte gewissermaßen der Vergangenheit gerecht werden, indem ich der Gegenwart und der Zukunft ganz klar durch meine Worte entgegen trete.
Doch nun sitze ich hier. Noch bevor die Tinte auf der geschriebenen Seite über die Wirtschaftskrise getrocknet ist, muss ich große Abschnitte schon wieder streichen.
Das kann man so nicht formulieren.
Der Satz ist zwar inhaltlich und grammatikalisch perfekt, und trifft den Nagel genau auf den Kopf, muss aber aufgrund seiner Kommata und seiner Wendungen bzw. Nebensätze umgeschrieben werden weil ihn sonst keiner versteht.
Ausserdem kann ich nicht einfach in medias res gehen.
Zunächst einmal muss ich über die Unterschiede zwischen der Realwirtschaft und der Finanzwirtschaft schreiben. Doch während ich versuche mit schönen Beispielen die Probleme zu erläutern die ausgelöst werden, wenn mehr Waren bezahlt werden als im Umlauf sind, lande ich immer wieder bei der Rolle unserer Gesellschaft.
Ich bin enttäuscht von unserer Gesellschaft.
Ich frage mich, warum wir Bürger uns nicht endlich mit unserer Gesellschaft identifizieren. Warum wir nicht endlich hilfsbereit sind, oder uns helfen lassen.
Ich finde es beispielsweise asozialer, wenn eine ältere Person eine jüngere Person anmotzt, nur weil man ihr einen Sitzplatz in der Straßenbahn angeboten hat, als wenn eine jüngere Person aufgefordert werden muss, den Platz einem Bedürftigeren zu überlassen.
Das eine ist ein freiwilliges Angebot, bei dem die jüngere Person aus Respekt und Anstand der älteren Person das Leben zu erleichtern versucht.
Wenn Sie gerne stehen bleiben, oder sich nicht setzen möchten, dann dürfen Sie das gerne, aber haben Sie doch Rücksicht mit der Jugend.
Das andere nur Ungeduld.
Von dem einen werden wir beleidigt weil wir nicht aufgesprungen sind, als er die Bahn betrat, der andere sieht sich in seiner Ehre verletzt, weil er glaubt wir trauen ihm nicht mehr zu, zu stehen.
Ich bin enttäuscht von unserer Gesellschaft.
Wo sind die Eltern die ihre Kinder erziehen? Als die körperliche Züchtigung gesetzlich verboten worden ist, haben sich unsere Eltern scheinbar jeder Erziehungsmöglichkeit beraubt gefühlt.
Wo sind die Eltern die die Hausaufgaben ihrer Kinder kontrollieren? Welche Mutter kennt die besten Freunde ihres Sohnes? Wieso kochen Sie (Väter wie Mütter) nicht mehr für ihre Kinder?
Wie können Sie es zulassen, dass Ihre Kinder sich in den reinen Konsum stürzen, ohne dass Sie sie jemals auf ein Wirtschaftssystem vorbereitet haben? Warum reden Sie nicht mehr mit Ihren Kindern?
Ich weiß es ist einfach, das Kind in sein Zimmer zu verbannen, ohne daß es das bemerkt. Schenken Sie ihm einen Fernseher, ein elektronisches Spiel und gewöhnen es an lauwarmes Essen; ich garantiere, es wird Ihren Abend nicht mehr mit unnützem Geschwätz über Freundinnen, Klassenkameraden, Lehrer, Prüfungen oder Politik versauen.
Ich bin enttäuscht von unserer Gesellschaft.
Alle suchen Sündenböcke, Zigeuner, Juden, Moslems, Christen, Katholiken, Protestanten, Ungläubige, Raucher, Politiker, Manager, Bänker, die Banken, Ärzte, Beamte, Anwälte, „das unterste Quintil“ (die Unterschicht), Rentner, Griechen, Finanzhasardeure ...
Seht Ihr keine Wiederholung auf der Zeitachse? Kommt Euch nichts bekannt vor?
Werft Ihr ruhig Eure Steine, da Ihr alle sündenfrei seid. Die Namen ändern sich, die Steine bleiben.
Ihr, die Eure Kinder in Kellern einsperrt. Ihr, die Spendenschwarzgeldkassen in Eurem Rollstuhl transportiert, Ihr, die Schwarzgeld als jüdisches Vermächtnis deklariert. Ihr die offen dazu steht, dass politische Wahlversprechen nicht der Standard sind, an dem wir Euch nach der Wahl messen dürfen, Ihr, die Kinderpornos auf Euren Handys habt.
Ihr, die wegen Kokskonsums angeklagt gewesen seid, und nun die kritische Stimme der Nation spielt. Ihr, die immer in den von uns bezahlten Sendungen sitzt, wo Ihr zeigt wie wenig Ihr erzogen worden seid. Ihr motzt gegen jeden und alles, hört Euch nicht zu, fallt Euch ins Wort, beleidigt Euch, beantwortet keine Fragen, und sucht keine Antworten solange Ihr andere schlecht Aussehen lassen könnt.
Werft Ihr ruhig Eure Steine!
Denn ich und meine Generation haben es verdient. Ich spreche Sie an, weil meine Generation gerade besoffen in irgendeiner Gosse liegt und glücklich ist, dass der allmächtige Gott die Flatrate erfunden hat.
Im Namen der Flucht, der Verdrängung, der Angst und des Fatalismus bitte ich Dich uns heute ein Fest zu gestalten, bei dem jeder sich selbst erleben kann, indem er an seine körperliche Grenzen geht und bekommt was er verdient.
In meiner Generation sind scheinbar alle Politik verdrossen. Scheinbar sind wir alle politisch desinteressiert. Wir wählen Euch nicht, wir finden Euch nicht gut, wir glauben Euch nicht und wir vertrauen Euch nicht. Regiert Ihr ruhig unser Land, wer von uns würde sich schon anmaßen es besser zu machen als Ihr. Aber behauptet nicht, wir wären politikverdrossen, wir sind Eurer verdrossen.
Regiert Ihr unser Land, kürzt uns das Geld für die Schule, kürzt uns unsere Grundsicherheit, kürzt uns das Kindergeld.
Damit, wenn wir dann endlich die Ausbildung abgeschlossen haben und eine Familie gründen wollen, wir an die Geburtenrate denken, und dieses finanzielle Risiko Kind nicht eingehen.
Ihr dürft uns auch gerne all das Geld was wir nicht haben wegnehmen, indem Ihr vorgebt eine soziale Gerechtigkeit zu schaffen, und Euch dann nur an uns bedient und eine Woche vor der Wahl den Rentnern noch mehr aus unserem Portemonnaie schenkt.
Aber erwartet bitte nicht, dass wir Euch dafür belohnen. Wir wollen mit Euch nichts zu tun haben. Wir kümmern uns um unsere Dörfer, unsere Stadtteile. Ehren unsere Eltern. Wir pflegen und achten und begleiten unsere Großeltern. Erziehen und würdigen unsere Kinder.
Aber Ihr die Ihr immer mit Steinen auf uns werft, Ihr solltet Euch hier zurücknehmen.
Ich bin enttäuscht von unserer Gesellschaft.
der Chronist
Donnerstag, 20. Mai 2010
Die Party ist zu ende!
Liebe Gäste, ich habe die Pflicht Ihnen mitzuteilen, dass die Getränkevorräte (nicht nur Wein und Champagner sondern auch Wasser) sowie die Nahrungsvorräte (nicht nur Kaviar und Thunfisch, sondern auch die Mais-Chips) langsam aber sicher zu Ende gehen.
Ich tue dies als voraussichtiger Beobachter, weil ich mir dessen bewusst bin, dass Sie, meine Gäste, verantwortungsbewusste denkende Menschen sind.
Lassen Sie sich nicht einreden, Sie seien ungebildet, unfähig, unmodern, unsozial, uninteressiert.
Sie wissen genau so gut wie ich, dass niemand uns Wasser, Mais oder Reis zaubern kann.
Wenn wir frühzeitig erkennen dass –und wann - diese Vorräte zu Neige gehen, dann können wir gegebenen falls verhindern, dass die letzten Reserven, hier auf diesem Fest dekadent verprasst werden.
Der Erste Schritt könnte darin liegen, dass wir einem jedem Gast mitteilen, wie viel Essen und Trinken, sowie Kerzen die uns Licht und Wärme geben, noch in unseren Vorratskammern liegen.
Es ist wichtig, dass die bekannten Zahlen unabhängig von ihrer Höhe oder Tiefe ehrlich genannt werden.
Die Wahrheit ist, dass man Tatsachen nicht durch Bezeichnungen verändern kann. Sie können die Reaktion der Gäste beeinflussen, beeinflussen ob die Musik lauter oder leiser gedreht wird, ob die Gäste lachen oder weinen, aber Sie können die tatsächlichen Vorräte dadurch nicht ersetzen.
Es kommt auf einigen Feiern dazu, dass Ehrengäste oder Freunde des Organisators bei der Verteilung der letzten Flasche oder des letzten Stückes der Pizza bevorzugt werden. Manchmal geht der Organisator der Feier gar soweit, und nennt den Gästen keine ehrlichen Bestandszahlen. Im Gegenteil, er stachelt auf oder beruhigt sie.
So kann er versuchen sich oder seinen Freunden den letzten Keks aus der Schachtel zu verschaffen.
Diesen Keks lassen viele Menschen übrigens interessanterweise liegen wenn jeder weiß, dass es der letzte Keks ist.
Antrieb ist hierbei nicht nur das soziale Gewissen, dass uns bestätigt, dass irgendwo auf dieser Party noch jemand ist, der sicherlich mehr Hunger hat als man selbst.
Nein die Wahrheit ist, dass wir diesen Keks meist nur dann liegen lassen, wenn a) jeder weiß, dass dieser Keks der letzte ist, und b) nachvollziehbar wäre, dass wir ihn genommen haben.
Wir sollten so ehrlich sein, und zugeben: Wir gewichten unser Ansehen in dieser Gesellschaft stärker als das Wohlergehen der Gesellschaft selbst.
Diese Gesellschaft erzieht uns durch ihre Akzeptanz oder Missbilligung mancher Dinge zu besseren Gästen.
Dies könnte als Indiz dafür gewertet werden, dass nicht nur der Gastgeber, sondern auch die Gäste Einfluss auf die Feier haben.
Wenn eine Sitzecke beispielsweise immer überfüllt ist, denken viele Gäste sich, dass hier sicherlich mehr Spaß herrschen muss als bei einer anderen Sitzecke, warum sollten sonst ausgerechnet hier so viele Gäste sein.
Durch das schlichte Meiden einer Tanzfläche (aus welchen Gründen auch immer) können Sie nach und nach das gesamte Publikum davon überzeugen, dass tanzen unsittlich ist. Früher oder später wird der Gastgeber diese Tanzfläche dann umwidmen, den Gästen etwas neues, „sittliches“ präsentieren.
Wir könnten somit in einem zweiten Schritt realisieren, dass wir tatsächlich der Gastgeber dieser Feier sind. Fakt ist, dass ein jeder Gastgeber Gast ist, wenn er an unseren Festen teil haben möchte.
Auch ich bin Gast, wenn ich mich zu Ihnen gesellen möchte.
Dies wird Sie jedoch zu einem dritten, und dem wohl schwersten Punkt führen: Sie müssen Sich mit all den andern Gästen auf ein Motto für die Party einigen. Um Ihr zukünftiges Fest feiern zu können.
Aus meiner Erfahrung mit der Organisation von Festen verspreche ich Ihnen, wird bereits die Wahl der Biermarke oder des „Knabberzeugs“ zu erheblichen Diskussionen führen. Von der Wahl der Musikbeschallung ganz zu schweigen.
Auf welcher Agora oder in welchem Forum Sie sich treffen können oder überhaupt wollen, um diese Fragen zu diskutieren, ist derzeit nicht absehbar.
Der Chronist